|
Sittenbild der viktorianischen
Gesellschaft
Die
"BonnPlayers"
spielen im Wohnstift Augustinum eine Komödie von George Bernard Shaw
Wenigstens die englisch sprachigen BonnPlayers spielen noch
George Bernard Shaw. Im 30. Jahr seit ihrer Gründung – damals noch als
The Embassy Players – kam im Augustinum mit Mrs Warren´s
Profession sein schärfster Anschlag auf die bigotte
viktorianische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf die Bühne.
30 Jahre
brauchte Shaws Comedy um an der Zensur vorbei 1925 zur ersten
öffentlichen Aufführung in England zu kommen. Übrigens war man nicht nur
dort zimperlich. Auch anderswo stieß man sich an einer Frau, die statt
Suppe an die Armen lieber sich selbst an die Reichen verkaufte, was auch
gut kapitalistisch und unternehmerisch gedacht war. Sie investierte,
wovon sie sich den größeren Umsatz versprechen konnte, ihren Körper.
Sie
gründete eine Bordellkette. Die bessere Gesellschaft in Gestalt von Sir
George Crofts (Chris Wilde) wurde stiller Teilhaber. Das ist der
Anfang in Margot Nisitas Regie. Shaw verstand sich darauf, diese
Situation anzuspitzen. vielleicht übertrieb er es auch bei dieser
früheren Theaterarbeit etwas. Er läßt nichts aus. Frau Warren holt ihre
Tochter zu sich, der sie beste Erziehung zukommen ließ, samt
akademischem Diplom. Vivie, die von ihrer Mutter endlich den Namen ihres
Vaters erfahren will, ist die Hauptrolle, aber an der Entwicklung der
Mutter-Tochter-Beziehung erweist sich Shaws fabelhaftes Theatertalent.
Er düpierte die Gesellschaft.
Auch die
Erziehung ist nur dünner Farbauftrag. Vivie (though Julia Avar)
arrangiert sich mit der Mutter (Mary Sengül), schließlich
partizipiert sie. Aber nur bis sich die Details des Sittengemäldes
erkennen lassen. Der freundliche Reverend (Christopher Nott-Held)
ist der Ex-Liebhaber ihrer Mutter und ihr Verlobter (Philip Warton),
sein Sohn, möglicherweise ihr Halbbruder. Das war damals auch fürs
Publikum starker Tobak. Bei diesem (Fast-Inzest) muss dem Zensor wohl
endgültig der Kragen geplatzt sein. Dramatisch ergiebig aber sind die
Frontwechsel und neuen Positionen, insbesondere im
Mutter-Tochter-Verhältnis. Bei Vivie bröckelt die Tünche, sie entpuppt
sich als selbstsüchtige Person.
zurück/back
|